Patriarchale Machtstrukturen in der Odyssee

March 30, 2026

Als Odysseus sich Telemachos zu erkennen gibt, ist es für ihn selbstverständlich, sofort wieder die Kontrolle über seinen Sohn zu übernehmen – obwohl Telemachos inzwischen erwachsen ist. Odysseus beginnt unmittelbar damit, ihm Anweisungen zu geben. Telemachos wird gedrängt, seinem Vater zu gehorchen.

Dies zeigt, dass in der patriarchalen Herrschaftsordnung der Vater die höchste Autorität besitzt. Diese Autorität wurde nicht infrage gestellt, denn sie galt als natürliche Ordnung.

Odysseus besitzt das Haus. Wenn eine Frau einen neuen Mann heiratet, muss sie ihr bisheriges Haus verlassen und in das Haus ihres neuen Mannes einziehen. Sie hat dann kein Recht mehr auf das alte Haus. Telemachos wird ebenfalls nicht wirklich ernst genommen: Seine Aufgabe besteht vor allem darin, zu erben und die patriarchale Struktur weiterzuführen. «Du kennst ja die Haltung der Frauen: Jenen, mit denen sie das Lager teilen, schanzen sie möglichst viel zu – die Kinder aus früherer Verbindung zählen dann nicht mehr viel» (S. 116).

Interessant ist auch, dass Penelope zwar eine zentrale Figur der Gesänge ist, jedoch kaum Handlungsmacht besitzt. Ihre Rolle besteht im Wesentlichen darin, auf Odysseus Rückkehr zu warten, um ihn zu betrauern und Ordnung im Haus zu bewahren. Ihre Meinung spielt kaum eine Rolle; sie soll gehorchen, denn sonst gilt sie als Quelle von Unordnung.

Penelope und Telemach vor dem Webstuhl, Um-zeichnung vom Skyphos aus Chiusi, um 440 v. Chr., Furtwängler / Reichhold Taf. 142

Dies wird auch im Radiogespräch „Die Wahrheit über Eva“ thematisiert. Dort wird gezeigt, dass Frauen häufig als Ursache von Chaos dargestellt werden und patriarchale Systeme dadurch ihre Kontrolle über Frauen legitimieren.

Aus heutiger Sicht wirkt diese Form von Herrschaft fremd, ungerecht und problematisch. Die Selbstverständlichkeit, mit der Odysseus Autorität über Telemachos und Penelope beansprucht, zeigt, wie stark Macht damals an Geschlecht und Herkunft gebunden war. Auffällig ist zudem, dass diese Macht nicht begründet werden musste, sie galt als normal. Gerade deshalb war das patriarchale System so stabil: Es wurde als unveränderliche Ordnung verstanden.

Das Radiogespräch „Die Wahrheit über Eva“ zeigt, dass diese Denkweise nicht nur in der griechischen Mythologie vorkommt. Frauen werden oft als Quelle von Chaos und Unordnung dargestellt, sei es Eva im Paradies oder Penelope, die ständig überwacht wird, damit sie „keine Unruhe stiftet“. Dadurch wird männliche Kontrolle legitimiert, indem Frauen als potenzielle Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung erscheinen.

In der Odyssee zeigt sich das deutlich: Penelope darf klug handeln, aber nur innerhalb der Grenzen, die Odysseus festgelegt hat.

Aus meiner Sicht ist diese Art von Herrschaft befremdlich. Die gesamte Struktur erscheint wenig sinnvoll, da sie die Möglichkeit verdrängt, dass Menschen unterschiedlich denken und handeln können.

Literatur:

Homer (2023): Die Odyssee. Nacherzählt von Ulrich Karger. Leipzig et al.: Ernst Klett Schulbuchverlag.